Feminisierung.

Frauen in der Zahnmedizin

 

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Autorin:
Elena Blankenburg
(Zahnmedizinstudentin aus Greifswald)


Feminisierung. 1869 schloss die Westerländerin Henriette Hirschfeld-Tiburtius als erste deutsche Frau das Zahnmedizin-Studium ab und machte sich kurz darauf in Berlin mit ihrer eigenen Praxis selbstständig. Eine zierliche Frau, die die Männerwelt der Zahnmedizin aufmischte. Seitdem hat sich einiges gewandelt. Mittlerweile ergreifen viele Frauen den Beruf. Heute spricht man teilweise sogar von einer „Feminisierung“ der (Zahn-)Medizin.

Was bedeutet es für den Berufsstand, dass sich immer mehr Frauen entscheiden, diesen Karriereweg einzuschlagen, während bei Männern der Trend in die andere Richtung zu gehen scheint? Weshalb spricht man in diesem Kontext von einer „drohenden“ Feminisierung? An welchen Stellen ist es vielleicht Zeit, alte Strukturen zu überdenken?

Betritt man heutzutage den Hörsaal einer zahnmedizinischen Vorlesung, fällt schnell auf: Studentinnen sind gegenüber ihren männlichen Kommilitonen deutlich in der Überzahl. Im Jahr 2015 gab es an einigen Universitäten Studienjahrgänge mit einem 100-prozentigen Frauenanteil. Auch im Berufsleben ist diese Entwicklung mittlerweile deutlich zu erkennen. Die Stiftung Gesundheit prognostizierte für den Zeitraum von 2018 bis 2023 einen Anstieg von 10,1 Prozentpunkten (von ursprünglich 51,5 auf 61,6 Prozent) des Anteils angestellter Zahnärztinnen. Der Anteil der Praxis-Inhaberinnen könnte demnach im selben Zeitraum um 5,3 Prozentpunkte zunehmen (von 39,2 auf 44,5 Prozent).

AUF EIN GESUNDES MASS AN AUSZEIT ACHTEN

Ein Artikel der Ärzte Zeitung berichtete 2015, Frauen tendierten eher dazu, in Teilzeit zu arbeiten oder kehrten nach der Elternzeit selten wieder zurück zu ihrem Beruf. Man wisse leider nicht, woran das liegen könnte. Auf die Idee, die Betroffenen nach ihren Beweggründen zu fragen, schien allerdings bis zu dem Zeitpunkt auch niemand gekommen zu sein. Mittlerweile gibt es Studien, die belegen, dass Frauen unabhängig von ihrem Einkommen den Großteil unbezahlter Arbeit – sogenannter Care-Arbeit – wie zum Beispiel Haushalt, Kinderbetreuung oder die Pflege Familienangehöriger – erledigen. Somit liegt es nahe, dass Frauen bereits von Haus aus ein höheres Arbeitspensum haben und eine Anstellung oder eine Teilzeitstelle auf dieser Ebene eine gewisse Entlastung bieten kann.

Ein weiterer Faktor ist die von älteren Kollegen gern belächelte „Work-Life-Balance“. In den vergangenen Jahren ist das Gesundheitsbewusstsein gewachsen, und die Wissenschaft bestätigt mittlerweile, dass mehr als 39 Arbeitsstunden pro Woche gesundheitsschädigend sein können. Rechnet man die nichtbezahlte Arbeit hinzu, liegen die meisten Frauen weit über diesem Wert. Der heutige Stand der Forschung legt dar, dass es für die eigene Gesundheit und Lebenserwartung wichtig ist, auf ein gesundes Maß an Auszeit zu achten. Dies darf nicht auf eine mangelnde Arbeitsmoral zurückgeführt werden und gilt sowohl für Frauen als auch für Männer.

KEINE BEDROHUNG, SONDERN EINE CHANCE

Zuweilen hört man Stimmen, die vor einem Prestigeverlust der medizinischen Berufe warnen, sollten mehr Frauen den Arzt- oder Zahnarztberuf ergreifen. In einer kritischen Analyse der Hans-Böckler-Stiftung heißt es, diese Entwicklung habe man bereits beim Beruf des Sekretärs beobachten können. Tatsächlich scheint die Sorge berechtigt, denn: Retrospektive Studien belegen, dass ein stark wachsender Frauenanteil in Industrien mit sinkenden Löhnen sowie einem „Prestige“-Verlust einhergeht.

Das klingt unfair? Finden Studierende auch! Es ist an der Zeit, dass ein Umdenken stattfindet und der steigende Frauenanteil in der Zahnmedizin nicht als eine Bedrohung angesehen wird, sondern als die Chance, die diese Entwicklung bietet. So sollte geschaut werden, wie man eine Selbstständigkeit nach heutigen Standards sowohl für Männer als auch für Frauen attraktiv gestaltet. Hier sind vor allem Genossenschaftsmodelle oder Gemeinschaftspraxen gefragt. Die Tendenz von vor allem weiblichen Studierenden, später in Teilzeit oder im Angestelltenverhältnis arbeiten zu wollen, ist statistisch nicht bestätigt, und auch aus dem Studierendenparlament des Freien Verbandes kommen bei solchen Spekulationen laute Gegenstimmen auf. Man studiere nicht mindestens fünf Jahre, um anschließend die Kindererziehung zu übernehmen oder ein Angestelltenverhältnis einzugehen. Die Selbstständigkeit ist für viele (auch Frauen) immer noch das Ziel und oft sogar die Motivation, das Studium überhaupt anzutreten.

FRAUEN WOLLEN UND MÜSSEN FÜR SICH SELBST SPRECHEN

In der Vergangenheit schien es, als fiele es Männern mitunter schwer, die Anliegen des anderen Geschlechts ernst zu nehmen. Dies ist keineswegs auf den medizinischen Sektor beschränkt. Es ist mit Blick auf die Entwicklungen der Geschlechterverteilung in der Zahnmedizin daher umso wichtiger, eine angemessene Interessenvertretung zu realisieren.

Männer und Frauen sollten zusammenarbeiten, um für die nächste Generation von Zahnärztinnen und Zahnärzten den Weg zu ebnen und die Patientenversorgung zu sichern. Es reicht nicht, dass Männer für ihre Kolleginnen mitdenken. Sie wollen und müssen für sich selbst sprechen können. Der Freie Verband ist mit seinem steigenden Frauenanteil, auch im Vorstand, auf dem besten Weg, eine gleichberechtigte, ausgeglichene Interessenvertretung zu gewährleisten.

VONEINANDER LERNEN UND MITEINANDER WACHSEN

Es ist kontraproduktiv, sich vor Veränderungen zu fürchten, denn das Leben unterliegt einem ständigen Wandel, und das ist auch gut so. Frauen und Männer sollten diesen Weg gemeinsam als Berufsstand gehen – unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft. Denn nur im Dialog können sie voneinander lernen und miteinander wachsen.

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