Stress im Studium.

„Diamanten entstehen unter Druck“

Das Studium der Zahnmedizin gilt als sehr zeitintensiv und nervenaufreibend. Und nicht wenige Studierende kommen dabei an die Grenzen ihrer Belastbarkeit – oder sogar darüber hinaus.

Die Gründe für eine Überlastung liegen auf der Hand: hoher Zeitaufwand, Lerndruck, Stress. Doch hinter vorgehaltener Hand kursieren seit Jahren Berichte vor allem über den Umgang des Lehrpersonals mit den Studierenden – viele von ihnen fühlen sich schlecht behandelt.
Bei jedem Treffen von Studierenden der 30 zahnmedizinischen Fachschaften kommt das Thema zur Sprache. Das Bild, das hier gezeichnet wird, ist deutschlandweit erstaunlich einheitlich und nicht gerade ein Aushängeschild für die Lehre: Von rauem Umgangston, unfairer Bewertung, sexistischen Kommentaren und offener Diskriminierung sowie Rassismus ist die Rede.

ONLINE-UMFRAGE

Anlass genug für das Studierendenparlament (StuPa) des Freien Verbands Deutscher Zahnärzte (FVDZ), mittels einer Umfrage ein flächendeckendes Meinungsbild einzuholen und so die Sorgen und Nöte angehender Zahnmedizinerinnen und Zahnmediziner in die Öffentlichkeit zu bringen.
In der Online-Umfrage hat das StuPa dafür Studierende der Zahnmedizin aller deutschen Fakultäten gebeten, Aussagen zur Situation an ihren Universitätsstandorten sowie zur psychischen Belastung in ihrem Studium zu treffen und außerdem konkrete Lösungen vorzuschlagen. Es nahmen 637 Studierende der 30 Universitätsstandorte in Deutschland teil.

KEINE ZEIT FÜRS LEBEN

Die Ergebnisse schockieren – knapp die Hälfte der Teilnehmerinnen und Teilnehmer gibt an, in den vergangenen Semestern mit dem Gedanken gespielt zu haben, das Studium aufgrund der massiven psychischen Belastung abzubrechen. Dabei wünschen sich 83,4 Prozent der Befragten eine studiengangspezifische psychologische Beratungsstelle, und 92,3 Prozent wünschen sich eine Vermittlungsstelle zwischen Studierenden und Dozierenden.
Bei der Umfrage konnten auch Kommentare eingereicht werden. Neben vielen Beiträgen zum Umgang der einzelnen Fakultäten mit der Corona-Pandemie – eine Corona-Infektion samt Quarantäne bedeutete für viele Studierende das Nichtbestehen des Kursus – wurde zudem besonders häufig der hohe Zeitaufwand für das Studium bemängelt. Von den Befragten gaben 84,5 Prozent an, neben dem Studium kaum noch Zeit für ihr Privatleben zu haben.

ABHÄNGIGKEITSVERHÄLTNIS

Die Erfahrungsberichte decken sich an vielen Stellen. Am häufigsten bemängelt wurde der respektlose und ruppige Umgang mit den Studierenden. Fast alle der mehr als 600 Kommentare thematisieren die Kommunikation seitens des Lehrpersonals. Sie wird von vielen Kommilitoninnen und Kommilitonen als hierarchisch, bloßstellend und fies geschildert.
In der Umfrage gaben 51,7 Prozent der Befragten an, schon einmal von einer Lehrperson angeschrien oder beleidigt worden zu sein. Nur 20,9 Prozent be­­zeichnen den Umgang der Lehrenden mit den Studierenden als respektvoll. Zudem befürchten die Studierenden, durch das Offenlegen der Situation oder geäußerte Kritik selbst benachteiligt zu werden.

SUBJEKTIVE BEWERTUNGEN

Zusätzlich zur deutlichen allgemeinen Unzufriedenheit kommen in der Umfrage auch ganz konkrete Probleme zur Sprache: So werden etwa an einigen Universitäten praktische Arbeiten nicht anonymisiert bewertet. Dies führt laut vieler Kommentare automatisch zu einer subjektiveren Bewertung – etwa durch Antipathien oder Sympathien der Dozenten für einzelne Studierende.
Viele Studierende wünschen sich daher eine neutrale Vermittlungsstelle, die nicht in die unmittelbare Lehre eingebunden ist und notfalls unangemessenes Verhalten von Dozenten und Vorgesetzten sanktionieren kann.

DÜNNE STUDIENLAGE

Bisher ist die wissenschaftliche Grundlage, mit der die psychologische Situation deutscher Zahnmedizinstudierenden bewertet werden kann, dünn. Dr. Patrick Prinz untersuchte in seiner Dissertation im Jahr 2011 „Burnout, Depression und Depersonalisation bei Studierenden der Zahn- und Humanmedizin“. Der hier verwendete Maslach Burnout Inventory (MBI) dient als Standardinstrument zur Erfassung des Burnout-Syndroms. Etwa ein Drittel der Zahnmedizinstudierenden zeigte dabei deutlich auffällige Werte. Das deutet auf ein hohes Maß an Burnout hin. In allen untersuchten Kategorien zeigten die Studierenden der Zahnmedizin deutlich mehr auffällige Werte als ihre humanmedizinischen Kommilitonen.

WOHIN DAS FÜHRT?

Psychosozialer Stress beeinträchtigt die individuelle Gesundheit der Studentinnen und Studenten und wirkt sich zudem auf ihre Studienleistungen aus. Neben den besorgniserregend hohen Zahlen von Zahnmedizinstudierenden mit deutlichen Anzeichen von Burnout führt eine ungesunde und lernunfreundliche Ausbildungsatmosphäre auch zum Heranwachsen ganzer Generationen von Zahnmedizinern, die quasi zum Burnout erzogen in ihr Berufs­leben starten. Seit Jahrzehnten wird so diese unbefriedigende Lern- und Kommunikationssituation unreflektiert von Zahnmediziner-Generation zu Zahnmediziner-Generation in der Lehre weitergegeben. Über die verpassten Chancen für eine (noch) bessere Ausbildung kann nur gemutmaßt werden.

 

Autor: & Foto: Jorit Claußen

Jorit Claußen

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